Eingang Ostseite der Kunstakademie Dresden und Römische Zahl

kunstakademie dresden – lipsiusbau ohne subtraktionsregel anno MDCCCLXXXXIII

Ein paar Römische Zahlen sind in Dresden doch hin und wieder zu finden. Am Lipius-Bau, also an der südöstlichen Seite der Kunstakademie, gleich neben der Treppe, (wenn man vor der Zitronenpresse steht, auf der linken Seite vom Gebäude), bietet sich solch ein selten gewordener Anblick.

Römische Zahl Eingang Kunstakademie Dresden

Einfach schön, wir erkennen die Zahl   MDCCCLXXXXIII
Das  bedeutet  addiert  soviel  wie  ___ 1500+300+90+3 = 1893
Doch die Römische Zahl M DCCC LXXXX III hat etwas, worüber man auf den ersten Blick stolpert, wo man aber trotzdem erst zweimal hinsehen muß, bis man es tatsächlich entdeckt. Einen Schreibfehler. Nanu, so ein krasser Patzer unterläuft den historischen Star-Architekten dieser Stadt? Das kann eigentlich nicht sein, so etwas wäre niemals vorgekommen oder man hätte es sofort korrigiert.

MDCCCLXXXXIII oder MDCCCXCIII

Wir erinnern uns an die Regeln zu den römischen Zahlen. Additionsregel ist klar, danach kommt die verkürzte Schreibweise durch die fünfer Ziffern, später wurde dann die Subtraktionsregel eingeführt.

Die Subtraktionsregel verkürzt die Zahl weiter, denn sie erklärt, daß nicht mehr als 3 gleiche römische Ziffern hintereinander stehen dürfen und greift dann bei 4 gleichen Ziffern.

Bei der Subtraktionsregel wird statt den 4 gleichen Ziffern die nächst größere verwendet. Vor diese Ziffer wird eine der vier zusammengefaßten gestellt, welche dann von der großen Ziffer abgezogen wird. Das Grundbeispiel dafür ist IIII ? IV.

Als Besonderheit der Subtraktionsregel gilt, daß der Subtrahend keine Fünfer Zahl sein darf.  V, L, D werden also niemals davorgestellt.
? OK, machen wir es nicht so kompliziert. Die Kernfrage lautet doch:

Schreibweise mit Fehler oder Absicht ?

Auf den ersten Blick könnte man meinen, hier hat sich ein klarer Fehler eingeschlichen. Der Verstand sagt, das kann nicht sein und mit ein wenig Überlegung kann man sogar einen Grund erkennen, warum dieser vermeintliche Schreibfehler nötig gewesen ist. Aber zunächst erst einmal:

Römische Zahlen sind Zier-Elemente

Die Tatsache, daß römische Zahlen fast immer über Eingangstoren oder an Stirnseiten der Häuser angeordnet sind zeigt, daß es sich schon damals um ein Zierelement handelte. Und wenn es um Gestaltung geht, ist alles erlaubt, sofern es nur gefällt.

Verzierungen stehen beim Baubeginn noch nicht im Mittelpunkt. Sie werden erst ganz zum Schluß eingebracht und müssen dann natürlich perfekt zum Bauwerk passen. Niemand wird also auf die Idee kommen, bei der Planung des Eingangsbereiches dessen Breite danach zu bemessen, daß die römische Jahreszahl vom geplanten Fertigstellungsjahr perfekt über das Eingangstor paßt. Klingt logisch, denn die Reihenfolge der Überlegungen ist genau umgekehrt.

Ein Kunstgriff bringt die Linien ins Bild

Was passiert aber, wenn die römische Zahl gegenüber der Schrift (Zahl) im Eingangstor zu kurz ist? Man kann die Schrift verbreitern. Das funktioniert aber nur begrenzt, sonst wirkt es breitgezerrt. In speziellen Fällen ist also ein kleiner Kunstgriff erforderlich, der sowohl optisch als auch marketing-technisch verwertbar ist. Das könnte hier der Fall gewesen sein:

Römische Zahl orginal in "falscher" Schreibweise (Dresden Kunstakademie)Dresden Römische Zahl "korrektur" mit Subtraktionsregel - Kunstakademie  Bild links: orginal Foto                                Bild rechts: korrigierte Schreibweise

Sehen wir uns das linke Foto an. Der ausgewogene Gesamteindruck entsteht, weil die Schriftzeilen nach unten breiter werden und sich somit Diagonalen bilden, die eine Analogie zum Eingangsportal herstellen.

Im rechten Foto wurde die korrigierte römische Zahl eingeblendet, um deren optische Wirkung besser zu erkennen. Schrift und Zahl sind genau gleich breit und bilden einen starren Block, der zwar exakt aussieht, den Gesamteindruck aufgrund fehlender Diagonalen jedoch nicht abrundet. Eher grenzt sich so der obere (eckige) Teil vom unteren (gerundeten) etwas ab und wirkt wie draufgesetzt. Das alles nur in Nouancen, aber davon lebt Design nun einmal…

Alternativen zur „falschen“ römischen Zahl?

Es ist müßig, darüber nachzudenken, welche Vorschläge man hätte machen können, wenn man jetzt 150 Jahre älter wäre. Die Fantasie macht es dennoch möglich und am Computer ist es eine Kleinigkeit, mehrere Varianten aus Wort und Jahreszahl einzugeben. Hätte es eine bessere Alternative gegeben?:

VOLLENDET
MDCCCLXXXXIII
vollendet
MDCCCXCIII
VOLLENDET
MDCCCXCIII
fertiggestellt
MDCCCXCIII
FERTIGGESTELLT
MDCCCXCIII
erbaut
MDCCCXCIII
ERBAUT
MDCCCXCIII

Wir sehen: bei ERBAUT hätte die Sache mit den Diagonalen auch funktioniert, das hätte die Schrift auf der breiten Tafel jedoch wesentlich schmalspuriger erscheinen lassen.

Und wie hat wohl damals der Gastgeber reagiert, wenn er von einem seiner hochrangigen Besucher hinter vorgehaltener Hand dezent auf die unkorrekte Schreibweise hingewiesen wurde? „??“ Die Antworten sind sicherlich auch damals schon gut vorbereitet worden.

Vielleicht gibt es für das Phänomen „falsche“ Römische Zahl noch eine andere Erklärung als jene, die mir hier bei der Betrachtung aufgefallen ist? Laßt es mich wissen …


zuletzt aktualisiert am 27.05.2016

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